MUSICA CORTESE
HÖFISCHE MUSIK 2010
Das Thema der Wiederentdeckung alter Musik hat im gerade vergangenen Jahrhundert verschiedene Momente erlebt, die sich in ihren Absichten, Methoden und politisch-kulturellen Entscheidungen unterschiedlich äußerten.
Dieser Prozess, der in eklatanter Weise mit der “Bergung” der Musik Bachs, die ansonsten vermutlich einer tragischen Vergesslichkeit anheim gefallen wäre, hat inzwischen das gesamte Barock-Repertoire bis zu seinen frühen Formen im 17. Jahrhundert “verzollt”, ist aber in den letzten Jahren ins Stocken geraten und ist fast mit einem Überfluss von oberflächlicher Aufmerksamkeit für die allgemein historische Dimension der Musik zusammengestoßen. Dieser Exzess der Historisierungen wurde durch eine voluntaristische und kommerzielle Haltung zur Vergangenheit produziert, die also in historischen “Erinnerungs- und Besuchsveranstaltungen” auch die Bereiche der alten Musik (oder sollten wir einfach nur sagen: der Musik) miteinbezogen hat, die noch nicht von einer “kultivierten” Tradition in Sicherheit gebracht worden war.
So ist es gekommen, dass die Musik, deren Entstehung vor dem 17.Jahrhundert liegt, in den Händen von simplen Ausführungshaltungen und Nutznießeransprüchen blieb, die auf keinster Weise in der Lage waren, ihren wahren Verdienst herauszustellen. Ein Prozess der “Urteilsaufhebung” wurde so gefördert, der als erste Konsequenz zur Entfernung eines Teils des Publikums aus den Konzertsälen ( vor ca. 15 Jahren begann man immer mehr Konzerte alter Musik in die Programme aufzunehmen, auch bei uns in Italien) führte, das nicht am “Festcharakter”der inzwischen überhandnehmenden und invasiven “Kostümfeste” unter dem Motto des Mittelalters oder der Rennaissance interessiert war. So banal und oberflächlich kann diese Musik jedoch nicht sein, wenn man bedenkt, dass sie von einer Kultur hervorgebracht wurde, die zu ihren Zeitgenossen Künstler wie Dante, Petrarca, Ariosto, Michelangelo, Leonardo oder Raffaello zählte.
Das Studium des musikalischen
Originalmaterials, eine kohärente Interpretationsauswahl, die die Kanone aus
erschließbaren historischen Informationen respektiert, eine angemessene
organologische Auswahl, die die musikalische und geographisch-kulturelle
Herkunft des Materials respektiert, eine stimmliche Haltung, die nicht einfach
vorherrschende Modelle imitiert und, um es kurz zu machen, diese ganze Serie
von kleinen Limitierungen und Indikatoren, die wir aus der historischen und
musikalischen Forschung entnehmen können, jedoch nicht getrennt von einer
eigenen künstlerischen Haltung und einem kritisch-kreativen Anspruch – nur so
kann nichts anderes entstehen als aus der “alten Musik” eine neue Musik. Es
entsteht ein neues Repertoire, an das man die Gefühle und Effekte binden kann,
das vergangen nur in streng chronologischer Hinsicht ist, aber ansonsten sicherlich
äußerst aktuell von einem künstlerischen Standpunkt aus betrachtet.
GIUSEPPE PAOLO CECERE (Künstlerischer Leiter))
